Bildung im Bildformat
Den Begriff der Bildung haben wir bereits das ein oder andere Mal durchklingen lassen. In unserem Studium vergeht kein Tag, an dem wir nicht mindestens einmal an Bildung denken müssen, denn wir studieren schließlich Medienbildung. Dabei ist unser Bildungsverständnis aber anders gedacht als in der Schule oder auch der Ausbildung. Es geht uns nicht darum, Wissen zu generieren oder lediglich Kompetenzen zu vermitteln. In unserem Verständnis, das wir übrigens auch transformatorischen Bildungsverständnis nennen, geht es um die Veränderung von Selbst- und Weltbild und bei uns konkret um die durch Medien initiierte Veränderung dieser beiden Bezüge.
Das Ganze lässt sich anhand eines Filmes verdeutlichen: Wir schauen einen Film und sehen dabei Personen, erfahren Geschichten und verfolgen, wie die Protagonisten mit ihren Erfahrungen umgehen. Diese Handlungsoptionen sowie diese Fremdheiterfahrungen integrieren wir in unser Weltbild, weil es für uns Situationen, Handlungsweise und/oder auch Traditionen sind, die wir nun durch andere wahrgenommen haben.
Wenn wir Filme gucken, sind wir aktiv dabei und überlegen, wie wir in solchen Situationen handeln würden, wir erleben, eine gewisse Empfindung beim Verfolgen des Geschehens und daraus ergibt sich eine Veränderung des Welt- und des Selbstbildes. Im Verständnis und in der Interpretation von Bildern, Videos oder auch einfach Filmen, spielt der Entstehungskontext auch immer eine Rolle.
Genauso ist es in der Wissenschaft: Wenn wir Walter Benjamins Text heutzutage lesen, haben wir ein ganz anderes Verständnis und ganz neue Verknüpfungen, als Walter Benjamin damals, einfach weil sich unsere Gesellschaft durch die Digitalisierung vollkommen verändert hat. gerade deshalb ist es umso spannender einen Blick zurückzugehen und genau diese „historischen“ Überlegungen heute neu zu denken.
Genau aus diesem Grund, bietet die Gestaltung von memes aus bekannten Kunstwerken auch so viel neues Potential. Durch den Entstehungskontext wird eine neue Perspektive auf das eigentliche Kunstwerk gesetzt, d.h. es entshet vor dem Hintergrund eines neuen Kontext und kann somit komplett neu konzeptualisiert werden. Gerade diese neuen Verknüpfungen und Ideen machen bei Kunstwerk-Memes den Charme aus, können kritisieren und paradoxieren. Um das deutlich zu machen, haben wir uns einmal den Wanderer über dem Nebelmeer von Caspar David Friedrich ausgeliehen:
Das romantische Motiv der Sehnsucht ist zentral für die Epoche sowohl in der bildenden Kunst als auch in den Gedichten der damaligen Romantik-Epoche (1795-1840). Das Motiv der Sehnsucht spielt auch heutzutage wieder eine große Rolle. Vor allem durch die aktuelle Pandemie-Situation ist das soziale Leben eingeschlafen, durch Ausgangssperren sind die Menschen auf der ganzen Welt dazu angehalten, zu Hause zu bleiben, wenig Kontakt zu anderen Menschen zu haben und geduldig zu bleiben. Das verändert die Gesellschaft, unserem Umgang und auch unser Verständnis für den Wanderer über dem Nebelmeer, weil die Sehnsucht bei den meistens Menschen gerade sehr groß ist: die Sehnsucht zu reisen, auszubrechen, wieder durchatmen zu können und ein bisschen auch der Wunsch nach Normalität. Diese ganze Spannung und die ganze Emotion ist in diesem Bild gefangen und wird, durch die Gestaltung und neue Kontextualisierung der aktuellen Pandemiesituation neu gedacht, neu aufgelebt und empfunden.
Durch die Gestaltung von klassischen Kunstwerken als Memes gewinnen diese an noch mehr Aura, da die Verwendung und Kontextualisierung auf neue Phänomene beweist, dass die Kunstwerke gerade durch die Reproduktion und Veränderung immer noch Teil unserer Gesellschaft und unseres Denkens sind und die gewählten Motive auch heute noch Menschen berühren können.
